Unter dem Titel: „Kindheit heute- und die Folgen für den Schulalltag“ gab Frau Senst auf der Sitzung des Stadtelternrats am 28. Mai 2015 einen Einblick in ihre Arbeit als Schulsozialarbeiterin an der Grundschule Hohestieg. Mit ihrem Vortrag wurde  gezeigt, wie wichtig Schulsozialarbeit ist. Wünschenswert wäre Schulsozialarbeit an allen Grundschulen und sie muss zum Wohle aller Kinder an den weiterführenden Schulen fortgesetzt werden.

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Thesenpapier: Schule im Wandel - Kindheit – heute und die Folgen für den Schulalltag

 

These 1:

Klassische Erziehung findet nur noch selten statt. Viele Eltern gehen mit ihren Kindern nicht mehr intuitiv entwicklungsgemäß um. Dadurch wird der Reifeprozess bei den Kindern gehemmt.

Erläuterung:

Alle Eltern wollen, so wie in vergangenen Zeiten auch, nur das Beste für ihre Kinder. Heute besteht in der Frage, was das Beste ist, jedoch bei vielen Eltern große Verunsicherung. Sie gehen mit ihren Kindern nicht mehr intuitiv entwicklungsgemäß um. Viele Eltern bemühen sich um Partnerschaft. Aus dem schützenswerten Kind wird ein gleichberechtigter Partner.

Den Kindern werden zu viele Entscheidungen überlassen und Ihnen damit die nötige Orientierung vorenthalten. Die Eltern setzen bei Ihren Kindern oft viel zu früh eine voll entwickelte Verständnisebene voraus. Sie diskutieren mit ihren Kindern, wie mit einem Erwachsenen, anstatt Richtungen vorzugeben. Dieses Erziehungsverhalten führt zu einer Überforderung des Kindes und dazu, dass sich psychische Funktionen nicht ausreichend bilden.  Der Reifeprozess bei den Kindern wird gehemmt. Das kann dazu führen, dass die Entwicklung auf der Stufe eines Kleinkindes stagniert.

Kinder, die so erzogen werden, werden  häufig von ihren Eltern als besonders selbständig empfunden. Tatsächlich sind sie lediglich selbstbestimmt. Dies wird deutlich wenn sie Fremdbestimmung durch andere Personen akzeptieren müssen, wie beispielsweise in der Schule.

 (Diese These entspricht inhaltlich den Ausführungen von Dr. med. Michael Winterhoff, Facharzt für Kinder- und  Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Bonn, Publikation: „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“. Gütersloher Verlagshaus, 18. Auflage 2009)

These 2:

Viele Kinder sind nicht altersgemäß entwickelt. Sie können den schulischen Anforderungen nur schwer gerecht werden. Die Kinder haben wichtige Grundkompetenzen nur unzureichend erworben.

Erläuterung:

Viele Kinder haben Schwierigkeiten den Anweisungen des Lehrers zu folgen. Sie versuchen ihren eigenen Kopf durchzusetzen. Sie können dadurch den schulischen Anforderungen nur schwer gerecht werden. Sie haben wichtige Grundkompetenzen vor dem Schuleintritt nur unzureichend erworben. Dazu gehören Kompetenzen, wie z.B. Frustrationstoleranz, oder die Fähigkeit abzuwarten. Sie erwarten, dass ihre Bedürfnisse sofort befriedigt werden. Sie können mit Misserfolgen oder Provokationen von Mitschülern nur schwer umgehen.

Die Fähigkeit sich in eine Gruppe einzufügen, strukturiert zu arbeiten, sich auf eine Sache zu konzentrieren, sich an Regeln zu halten ist bei vielen Kindern nicht ausreichend vorhanden.

Dies sind jedoch Grundvoraussetzungen für einen erfolgreichen Schulbesuch.

(vgl. auch Michael Winterhoff, „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“, Gütersloher Verlagshaus, 18. Auflage 2009)

These 3:

Einige Kinder leben in stark belasteten Familienverhältnissen.

Viele Kinder verbringen ihre Freizeit häufig vor dem Fernseher oder mit Computerspielen.

Erläuterung:

Einige Kinder sind durch ihr außerschulisches Umfeld stark belastet.

Es gibt Kinder, die allein aufstehen, sich ihr Frühstück allein zubereiten oder gar nicht frühstücken und sich womöglich noch um die kleinen Geschwister kümmern müssen, bevor sie in die Schule gehen können. In diesen Familien tragen Kinder an der Verantwortung schwer, die eigentlich ihre Eltern tragen müssten. Die Kinder übernehmen hier nicht selten die Elternrolle und sind damit hoffnungslos überfordert.

Hinzu kommt ein Freizeitverhalten, dass von hohen Fernsehkonsum und vielen Stunden am Computer geprägt ist.

Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass am Vormittag in der Schule Erlerntes im Gehirn nicht dauerhaft abgespeichert werden kann, wenn sich das Kind gleich nach der Schule vor den Fernseher oder an den Computer setzt.

These 4:

Folgen für den Schulalltag:

  • Konzentrierter, störungsfreier Unterricht ist oft nicht möglich
  • Viele Kinder kommen emotional stark belastet in die Schule
  • Manche Kinder sind kaum zu steuern und zu stoppen
  • Eigentlich lernfähige Kinder werde am Lernen gehindert

Erläuterung:

Häufig kommen Kinder schon stark belastet in die Schule, weil zuhause etwas vorgefallen ist. Diesen Kindern fällt es dann schwer sich auf den Unterricht einzulassen, weil ihre Gedanken um ihre Probleme kreisen.

Andere Kinder sind gar nicht zu steuern und zu stoppen. Sie sind nicht gruppenfähig und erkennen den Lehrer gar nicht in seiner Person als Gegenüber. Sie leben, wie im frühen Kleinkindalter in der Vorstellung allein auf der Welt zu sein und alles und jeden steuern zu können. Solche Kinder sprengen jeden Unterricht.

Ist ein störungsfreier Unterricht nicht möglich, werden auch lernfähige Kinder am Lernen gehindert.

These 5:

Unreife verwächst sich nicht.

Die beobachteten Beeinträchtigungen aus dem Grundschulbereich kommen zeitverzögert in den weiterführenden Schulformen an, auch an Gymnasien.

Erläuterung:

Unreife verwächst sich nicht. Die Kinder müssen die Möglichkeit erhalten nachzureifen. Sie brauchen in der Schule Bezugspersonen die die Kinder auf sich beziehen und sie anleiten und begleiten. Rituale, die immer wiederkehrende Wiederholung von Handlungsabläufen helfen Kinder beispielsweise auch bei ihrer Entwicklung.

Ob ein Kind altersgemäß gereift ist, richtet sich danach wieviel Struktur und Orientierung es in seinem Umfeld erfährt und ob es eine Kindheit ohne Verantwortung erleben darf.

Kurz: Ob es Kind sein darf.

(vgl. dazu auch  Michael Winterhoff, „SOS Kinderseele“, Bertelsmann Verlag, München, 1. Auflage 2013)

Außerdem ist das Phänomen „psychische Unreife“ nicht auf eine Bevölkerungsgruppe beschränkt. Es ist an keine Einkommenssituation gekoppelt und auch keine Frage der Intelligenz.

These 6:

Schulsozialarbeit als wirksamer Bestandteil von Schule

Schule braucht eine Person und einen Ort, wo Kinder aufgefangen werden können, die momentan mit der Unterrichtssituation überfordert sind.

Erläuterung:

Schulsozialarbeit hilft als ergänzendes Angebot an den Grundschule dabei, Kinder in ihrer Entwicklung zu fördern. Dabei nimmt sie eine beratende Funktion ein.

Schulsozialarbeiter beraten Schulkinder, Eltern, Lehrkräfte, Schulleitung und päd. Mitarbeiter.  Darüber hinaus reagiert Schulsozialarbeit in Krisensituationen flexibel.

Kinder, die dem Unterricht zeitweise nicht folgen können, weil sie nicht mehr belastbar sind, gibt sie Zuwendung und trägt zur Reintegration in den Unterricht bei. Außerdem fördert Schulsozialarbeit durch verschiedene pädagogische Angebote die Erlangung von Grundkompetenzen.

These 7:

Schulsozialarbeit benötigt einen speziell ausgestatteten Raum.

Unruhige Kinder brauchen ruhige Räume

Erläuterung:

Der Raum der Schulsozialarbeit an der OGS- Hohestieg, Trainingsraum genannt, hat eine klare Struktur. Er ist in einem Entspannungsbereich, in einem Arbeitsbereich und einem Bereich, der schnell in einen Bewegungsbereich umgebaut werden kann, unterteilt.

Außerdem ist er mit zwei Stillarbeitsboxen und zwei Lesehöhlen versehen.

Raumschmuck wird nur sehr sparsam verwendet um eine Reizüberflutung zu vermeiden.

Hinzu kommt ein funktionierendes Ordnungssystem.

Die Tische sind zu einem Oval (Konferenzanordnung) gestellt. Am Kopfende sitzt der Erwachsene. Die Kinder können so besser vom  Erwachsenen auf sich bezogen werden.

Diese Sitzordnung ist angelehnt an das Klassenraumkonzept von Kurt Rotermund, „Aprendarium, Lernfördernde Klassenraumgestaltung“.

(vgl. dazu auch www.aprendarium.de)

These 8:

  • Die Anforderungen an Schule haben sich verändert.
  • Das Kollegium ist ein multiprofessionelles Team
  • Es ist eine verstärkte Vernetzung mit anderen Institutionen nötig

Erläuterungen:

Die Lehrer sind heute in einem viel stärkeren Maße als früher mit den sozialen Problemen ihrer Schüler konfrontiert. Hinzu kommt die starke Zunahme von Kindern, die psychisch nicht altersgemäß entwickelt sind. Der Schule kommt dadurch ein viel größerer Erziehungsauftrag zu.

Die zusätzlichen Anforderungen machen ein multiprofessionelles Team erforderlich

(Lehrer, Sonderpädagogen, Schulsozialarbeiter, etc.).

Außerdem muss die Vernetzung mit anderen Institutionen intensiviert werden. Derzeit gibt es noch Institutionen die zu abgegrenzt arbeiten.


Literaturübersicht:

Michael Winterhoff

  • Warum unsere Kinder Tyrannen werden / 2008 (ISBN-13: 978-3579069807)
  • Tyrannen müssen nicht sein–Warum Erziehung allein nicht reicht – Auswege / 2009 (ISBN-13: 978-3442172023)
  • Persönlichkeiten statt Tyrannen - Oder: Wie junge Menschen in Leben und Beruf kommen / 2010 (ISBN-13: 978-3442172702)
  • Lasst Kinder wieder Kinder sein - Oder: Die Rückkehr zur Intuition / 2011 (ISBN-13: 978-3442174102)
  • SOS Kinderseele - Was die emotionale und soziale Entwicklung unserer Kinder gefährdet - und was wir dagegen tun können / 2013 (ISBN-13: 978-3570101728)

Christoph Türcke

  • Hyperaktiv! Kritik der Aufmerksamkeits-Defizit-Kultur – Wie unsere Kinder unserer Gesellschaft den Spiegel vorhalten – Rituale statt Ritalin – eine Streitschrift / 2012 (ISBN-13: 978-3406630446)

 

   
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